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Die Ausbesserung an Turm und Kirche
1913

Glockenturm  Langenweddingen

Blick in den Glockenturm

Als vor zwei Jahren die umfangreichen Arbeiten am Turm und in der Kirche glücklich vollendet waren, da durften wir annehmen, dass es für längere Zeit damit sein bewenden haben dürfte. Leider erwies sich diese Annahme, die das vielhundertjährige Alter beider Gebäude nicht genügend in Rechnung gezogen hatte, als nicht zutreffend.
Im Turme verraten die Schallöffnungen im Glocken-Stockwerke mit ihren romanischen Bogen und Steinsäulen jedem mit der Geschichte der Baukunst einigermaßen vertrauten Beschauer, dass sie schon vor mehr als siebenhundert Jahren geschaffen worden sind.
In Folge jahrhundertelanger Wettereinflüsse waren einige dieser Steinsäulen auf der Morgen- Mittags- und Abendseite so stark verwittert, dass sie ihre Tragkraft mehr und mehr verloren hatten, und so das von ihnen gestützte Mauerwerk gefährdeten.
Diese schadhaften Säulen mussten weggenommen und durch neue, im gleichen Stile gearbeitete ersetzt werden. Herr Steinmetzmeister Friedrich Müller von hier hat sich dieser Arbeit in sachkundiger Weise unterzogen und sie mit seinen Gehilfen in luftiger Höhe glücklich vollendet. Er hatte auch, das ist ministerielle Vorschrift, in die den weggenommenen Bogen und Säulen im romanischen Stile nachgeformten Werkstücke die Jahreszahl 1913 eingemeißelt, damit sie auch künftig von den wirklich aus alter Zeit stammenden gleich zu unterscheiden sind.
Ein viel größerer, für den Verstand unseres schönen Gotteshauses sehr bedrohlichen Schaden wurde bei der Ausbesserung des Kirchendaches vom Dachdeckermeister Hartmann entdeckt und dem Gemeindekirchenrate angezeigt. In allen vier Ecken der Dachbegrenzung, die sich über der der Hauptwölbung  unserer in Kreuzform gebauten Kirche erhebt und die Hauptlast des gewaltigen Dachstuhls in sich vereinigt, waren in Folge eingedrungener Feuchtigkeit die Köpfe der mächtigen eichenen Querbalken völlig vermorscht und verfault.
In Folge dessen hatte sich der mittlere Teil der Dachkonstruktion so gesenkt, dass er das Kreuzgewölbe, in dessen Mitte der Kronleuchter hängt, in gefährlicher Weise belastete und durchzudrücken drohte.
Außerdem waren auch die Köpfe der beiden zunächst dem Turme das Langschiff überquerenden Tragebalken so vermorscht, dass die auf ihnen ruhenden Dachsparren ihren Druck auf die Längsmauern übertrugen und sie nach auswärts zu drängen drohten. So war große Gefahr im Verzuge und daher schnellstens und gründlichstes Eingreifen unerlässlich.
Dieses Eingreifen erwies aber, je weiter der anfänglich nur teilweise wahrnehmbare Schaden in seinem großen Umfange sichtbar wurde, um so mehr als ein technisch im höchsten Maße schwieriges.
Ein Ausbesserungsversuch, der von hiesigen Kräften zunächst an der Südwestecke der Kreuzung vorgenommen worden war, reichte sichtlich weder zur Hebung des Schadens, noch zur Sicherung gegen die Gefahr seines Weitergreifens aus. Da mussten die verantwortlichen Vertreter der Kirchengemeinde angesichts der das ganze Kirchengebäude bedrohenden Gefahr sich entschließen, auch noch das Gutachten eines auswärtigen Sachverständigen in dieser Sache einzuholen.
Sehr schwierige und umfangreiche Dachstuhlausbesserungen in großen Magdeburger Kirchen hatte der Königliche Hofzimmermeister Herr Ganzlin in Magdeburg mit bestem Erfolge ausgeführt. Er gab auf unser Ersuchen ein klares und gründliches Gutachten ab.
Auf  unsern dringenden Wunsch erklärte er sich bereit, zu der Ausführung seiner Vorschläge hiesige Kräfte mit heranzuziehen, glaubte  aber um der großen Verantwortlichkeit der Sache willen, sich die Oberleitung der unbedingt erforderlichen Arbeiten vorbehalten zu müssen. Demgemäß hat der Kirchenrat nach eingehender sachlicher  Erwägung einstimmig beschlossen, die vorerwähnten Arbeiten dem Herrn Ganzlin mit der Maßgabe zu übertragen, dass unter seiner Leitung und Verantwortung hiesige Kräfte an der Ausführung beteiligt würden. Letzteres ist in Folge von Umständen, die der Gemeindekirchenrat in keiner Weise verschuldete, leider in geringerem Maße der Fall gewesen, als zu erwarten war.
Die schwierigen Arbeiten sind aber glücklich zu Ende geführt worden. Die mittlere Dachkonstruktion ist um 9 cm gehoben worden und das Kreuzgewölbe dauernd entlastet worden.
Auch unsere Turmuhr, bei deren Fehlen wir erst recht merken, wie unentbehrlich sie uns für den Gang und die Ordnung des täglichen Lebens und Arbeitens war, ist nun gründlich ausgebessert und wieder im Gange. Möchte sie viele Segensstunden für unsere Gemeinde zeigen und künden dürfen.

Quelle: " Der Hausfreund", Nr 8 /August 1913, Seite 59/60, Ernst Moeller, Sup. AD. und Pfarrer in Langenweddingen

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