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Ein vor zweihundert Jahren gedichtetes Bänkelsängerlied
1911

Fenster

In letzter Woche vor der Einweihung unserer Kirche hatten wir, wie vielen noch erinnerlich sein wird, eine durch einen elektrischen Motor getriebene Staubsauger-vorrichtung der Firma Zemlin u. Co., aus Magdeburg kommen lassen, um das Innere des Gotteshauses überall da von dem angesammelten Staube reinigen zu lassen, wohin die Besen, Wischtücher und Waschlappen unserer fleißigen Scheuerfrauen weder jetzt noch früher hatten hingelangen können.
Drei Tage lang arbeitete der Apparat und unglaubliche Mengen groben und feinen Staubes saugte er  unaufhörlich in die dafür bestimmten Glasbüchsen.
Am dichtesten hatte sich dieser Staub in dem kronenförmig nach oben abschließenden oberen Teil des Kanzel-schalldeckels, zu dem man nur auf hoher Leiter gelangen kann, abgelagert, denn hier herauf hatte in den letzten Jahren niemand zur etwaigen Reinigung klettern können.
Als der Staubsauger hier oben arbeitete, da wurde von dem starken Luftstrome, der alten Staub usw. in das Saugrohr hinein riss, aus einer dunklen Ecke ein zusammenge- drücktes Stück Papier hervorgezogen, das zu groß war, um vom Saugrohre aufgenommen zu werden.
Als man es aufgriff, betrachtete und auseinanderfaltete, da waren es vier gedruckte Blattseiten, je 16 Zentimeter breit, zwar beschmutzt und an den Rändern durchlöchert und abgestoßen, aber doch im Ganzen mit noch lesbaren Drucke.
Der Inhalt aber war ein Bänkelsängerlied vom Jahre 1710, wie es damals gedruckt, verkauft und von wandernden Sängern vor den Türen, auf Märkten, Messen und Volksfesten gesungen wurde. Zweifellos ist vor 200 Jahren von den Malern, die im Jahre 1710 den Altar, die Emporen und die Kanzel „staffiert“ d.h. gemalt haben, dieses Lied gekauft, gelesen und dann bei Arbeiten da oben zusammengeknüllt und achtlos weggeworfen worden.
Das hätten der Malermeister Konrad Matthias Haber aus Halberstadt und seine beiden Gesellen Johann Friedrich Neubauer und Joachim Kruse sich nicht träumen lassen, das dieses von ihnen weggeworfene, damals ganz neue Lied sie überdauern und nach 200 Jahren, wo man von ihnen nur noch durch Zufall die Namen fand, wieder vorgeholt und gelesen werden würde.
Das hätten die, die in Süddeutschland vermutlich dieses Lied im Bänkelsängertone dichten, drucken ließen und verkauften, nimmer gedacht, das ein Exemplare davon, vielleicht das einzige, das es noch heute gibt, 200 Jahre später in der Kirche des norddeutschen Bördedorfes Langenweddingen zum Vorschein kommen werde. Das auch hier in der Rechtschreibung jener Zeit gedruckte Lied lautet wie folg:


Eine gewisse Gedicht und Zeitung

Von einem gottlosen Gesellen im
Bambergischen Lande- in einer Stadt
Leuenbach genannt- am 13. Juni 1710
geschehen

Im Th. (d.h. in der Melodie) Der grimmige Tod mit dem Pfeil.

Hört ihr lieben Christen-Leut- was ich
euch itzt will singen- was sich begebe in
kurtzer Zeit von erschrecklichen Dingen-
in einer Stadt Leuenbach genannt- in dem
Bambergischen Lande- mit grausamen Zustande.

Ein böser Gesell wohnt alldar- der führt ein
böses Leben- mit Fluchen und Schelten früh
und spat- brachte er zu sein Leben- einsmahls
wird er geladen ein- zu Gast in ein Wolleben-
sein Freund und Nachbar auch dabey  der
Pfarrherr gleichfalls eben.

Als sie sich nun in Lustbarkeit allda wollten
Versuchen- da hebt der Gesell an Streit-
fangt grausam an zu fluchen- der Pfarrherr
ihn bald straffte hart- er sollte sich bekehren- und
von den Fluchen abelahn- von Gott Genad
begehren.

Der Gesell darauf Antwort gab-
was frag ich nach den Pfaffe- er hat mir
ja in dieser Stadt wenig und nichts zu
schaffen- er flucht gleich mit seinem Mund-
der Teufel solt ihn holen- es wäret nicht
eine halbe Stund- so kam er unverhohlen

Durch einen Sturmwind in das Haus
 mit einem großen Brausen- den Menschen
da drinnen waren- kam alle an ein Grausen
sie fielen zu der Erden hin- erstarrt ihre
Glieder- etliche verrücket in den Sinn
als sie aufstunden wieder.

Er thät den Gesellen bald in die Höh mit
seinen Klauen schmeissen- als er wieder her-
unter fiel- in vier Stücke zerrissen- er hing
die Viertel auf der Straß- dem Gottlosen
zum Spiegel- darum o Mensch vom Fluch
ablaß- kehr dich zu Gott bald wieder.

Also kann der gerechte GOTT- wenn man
ihn so erzürnt- dem bösen Feinde geben Ge-
walt- die Flucher wegzuführen- ob es gleich
nicht alsbald geschicht- weil GOTT ist sehr lang-
mütig- er denkt an seine Vater-Treu
ist barmherzig und gütig.

So oft du von den Teufel fluchst- mach
dir nicht die Gedanken- daß GOTT der
Herr nicht hören thu- der das Ohr hat
gepflanzet- bekehre dich nur bald von
Sünd- so wird er sich erbarmen- und dich
als ein verlorenes Kind nehmen in seine
Armen.

Auch flucht man noch heut zu Tag das
Wetter dich erschlage- solches tut Jung-
Alt- Frau und Mann- ist das nicht zu be-
klagen. Wie oft hat GOTT durch Wetter-
Knall- sein Allmacht thun erweisen- drum
soll man ihn mit Lobsang- und Beten
nur stets preisen.

Darum ihr Christen groß und klein- be-
denket eure Seelen- und fluchet doch nicht
so gemein- vor den Wunden des Herrn
gedenket an die große Pein- die Christus
hat erlitten- und durch das Blut der Wun-
den sein- den Himmel uns erstritten.

Bey frommen Christen findet Platz- des
Herren Jesu Wunden- dass ist ihr Trost
und bester Schatz- darein sie sich gewun-
den- gleich wie die blöden Täubelein zur
Zeit des Ungewitters- darin sie konnten si-
cher sein vor dem höllischen Ritter.

Die Boßheit nimmt auch überhand- ja
fast an allen Enden: Man höret von Dieb-
stahl und Mord- wo man sich thut hinwen-
den. Die Hureren ist auch gemein- man
fürcht nicht Gott den Herren: Es wissens
auch die Kinder klein- von alten thun sies
lernen.

Darum wird der gerechte GOTT- sein
Straff lassen ergehen- die Sonne wird in
ihrem Lauff  fast gar verfinstert stehen- die
Sternen auch fallen allzumahl- dem Monden
ist betrübet- weil hier auf diesem Erden-Saal
so viel Sünd wird verübet.


Darum komm lieber Herr Christ- weil es
will Abend werden- das Erdreich überdrüßig
ist- zu tragen die Beschwerden- und nimm uns
weg von dieser Welt- hohl uns in dein Freuden-
zelt: Das helf uns Jesus

Amen.

Quelle: " Der Hausfreund", Nr.7/8 Juli/August 1911, Seite 44/46, Ernst Moeller, Sup. AD. und Pfarrer in Langenweddingen

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