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Eine große Freude

Oktober 1914

Zu den tapferen, in „Pflichterfüllung bis zum Äußersten“ bewährten Verteidigern des von mehr als zehnfacher Übermacht bestürmten deutschen Stützpunktes Tsingtau gehört auch Herr Erich Reckling, ältester Sohn des Herrn Lehrers Reckling von hier. Er war zur Abteilung  der Dienstzeit seinerzeit bei der Matrosen-Artillerie in Tsingtau eingetreten. Seit der Belagerung und der am 7. November v. J. erfolgten Übergabe von Tsingtau fehlte jede Nachricht von ihm. Unter den durch das auswärtige Amt ermittelten und veröffentlichten Namen der die Belagerung überlebenden und der japanischen Gefangenschaft geratenen deutschen Kämpfer war sein Name nicht zu finden. Von Woche zu Woche mehr mussten die in banger Besorgnis vergeblich auf Nachricht harrenden Eltern und Geschwister und viele teilnehmende Menschen mit ihnen befürchten, dass auch dieser wackere Stereiter bei der Verteidigung Tsingtaus gefallen sei. Heiße Gebete aus Eltern-, Geschwister und Freundesherzen stiegen für ihn empor. Sie wurden von unserem Gotte herrlich erhört. Aus Osaka in Japan traf kürzlich ein am 23. Dezember geschriebener Brief bei den darüber hochbeglückten Eltern ein, der der ihnen meldete, dass der geliebte Sohn am Leben sei und sich unverletzt in Japan befinde. Da die Briefe der Kriegsgefangenen auch dort vor der Absendung von den japanischen Militärbehörde durchgesehen und auf ihren Inhalt geprüft werden, so durfte der Briefschreiber anders als über seine Verbringung nach Osaka und sein Ergehen den Seinen nicht berichten.
Allen Gemeindemitgliedern wird aber der nachfolgende, mir freundlichst zur Verfügung gestellte Brief ebenso anziehend und erfreulich sein wie mir. Mit Stolz und Freude zählen wir diesen Einen aus der Heldenschar von Tsingtau zu den Unseren.

 

Ihr Lieben

Osaka , den 23. Dezbr. 1914

Endlich finde ich seit langer Zeit wieder Gelegenheit, etwas über mich zu berichten. Ihr werdet ja aus allen Zeitungen wissen, dass wir am 7. November Tsingtau übergeben mussten. Am 16. November fuhren wir mit einem japanischen Dampfer nach Japan und kamen nach fast 5tägiger Fahrt am 21. November hier in Osaka an. In den 4 Wochen unseres Hier seins haben wir uns schon sehr gut eingelebt. Es gefällt mir auch ganz gut hier. Wenn unsre Gegner in der Heimat alle deutschen Gefangenen so gut behandeln, wie uns die Japaner, können sie sich freuen. Wir brauchen weder zu arbeiten, noch Dienst zu tun, den ganzen Tag haben wir frei.
Das Essen ist auch gut – also macht Euch keine Gedanken, mir geht es gut.
Wie geht es denn bei Euch im Hause? Ich vermute, dass sich Hans gemeldet hat, oder ist er noch dort?
Ich hatte ja leider gar keine Gelegenheit gehabt, von Tsingtau  aus während der Belagerung zu schreiben. Wie sieht es denn bei Bruns aus? Bub` oder Mädel?
Von der Lage in der Heimat erfahren wir auch durch Zeitungen, demnach scheint es ja für Deutschland sehr gut zu stehen.
Wir erhalten von den Deutschen in Japan öfter Liebesgaben.
Übermorgen ist Heiligabend!! Hoffentlich feire ich im nächsten Jahre Weihnachten zu Hause. Wenn nur erst der Krieg ein Ende hätte, dann würde es mit unserer Heimfahrt nicht mehr lange dauern.
Bevor unsere Briefe abgehen, werden sie gelesen, deshalb will ich schließen.
Hoffentlich seid ihr noch alle gesund und munter. Fürs neue Jahr seid herzlich gegrüßt von

Eurem Erich.

ein zweiter Brief aus Osaka

Quelle: " Der Hausfreund", Nr. 3 März 1915, Seite 22/23, Ernst Moeller, Sup. AD. und Pfarrer in Langenweddingen

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