
Erntedankfest in Langenweddingen
um 1916 -
hier hat sich die Familie Schröder in ihrer
Festtagskleidung zu einem
Gruppenfoto aufgestellt.
Foto: Albert Tröstrum Langenweddingen
cheune, Speicher und Keller umfassen nun wieder des Jahres früchtereichen Segen. Und in vielen Gegenden unseres Vaterlandes hat man ihn gerade diesmal mit verdoppelter Freude eingebracht.
Denn manche ernste Sorge, die anfangs des Wetters Ungunst heraufbeschwor, wich bald danach der frohen Zuversicht auf einen guten Ausgang, und sie hat nicht getäuscht. Mit der Ernte ist es zumeist trefflich bestellt, wie aber mit dem Dank dafür? Nun, auf dem Lande wohnt trotz der neuen Zeit und ihrer „neuen Ideale“ noch manch alte schlichte Gottesfurcht, und die Kirchenglocken am Erntedankfest klingen nicht bloß ins Ohr, sie dringen noch ins Herz. Freilich, schon hier nicht mehr allen, geschweige bei allen in der Stadt. Die Gedanken an die Wunderkette des Geschehens zwischen Saat und Ernte an die Gottesgeheimnisse des Werdens, Wachsens, Reifens und Gedeihens, die noch kein Menschenmund zu deuten wusste, werden überwuchert vom Unkraut der Oberflächlichkeit und des Unglaubens. Und je schärfer sich äußerlich der Gegensatz ausprägt zwischen Stadt und Land, desto mehr schwindet das innere Verständnis dafür, wie innig sie beide auf einander angewiesen sind und wie schließlich doch für beide alles abhängt von der Güte und dem Ernst dessen, der Himmel und Erde schuf. Ein volles Mißjahr – und um das Wohlbefinden des Volkes ist´s geschehen; sieben magere Jahre – und selbst seine Existenz kann auf dem Spiel stehen. Darum wollen wir freudig danken zur guten Zeit, dass wir nicht zeufzend bitten müssen zur bösen!
Wie aber zu jeder Zeit Dank und Bitte geschwisterlich neben einander wohnen sollen, so müssten wir gerade am Erntedankfest für Stadt und Land noch eine besondere Bitte. Es ist auch dem Weltfremden nicht verborgen, dass die Leutenot auf dem Lande sich ebenso zu einer wirtschaftlichen Gefahr auswächst, wie die dauernde Heranziehung fremdländischer Elemente zu einer nationalen. Da sollte die Stadt für das Land bitten, Dass dieses nicht noch mehr entvölkere zum unberechenbaren Schaden beider. Und das Land hinwiederum sollte im Blick auf die Verlockungen und Verführungen der Stadt, auf der Bahn, dort schneller und müheloser reich zu werden, auf den Giftschwaden des gottentfremdeten Materialismus, der von dort emporbrodelnd, weiterhin übers Land zieht, bitten, dass in der Stadt wieder das Wort der Schrift Verständnis finde: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allen, sondern von einem jeglichen Wort, dass durch den Mund Gottes geht.“ Und diesem Worte, erfasst in der Fülle seiner Kraft und Wahrheit, liegt doch erst für Stadt und Land des Erntedankfestes voller Segen.