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Zum Paul Gerhardt-Gedenktage
am 12. März 1907

Groß, fast übergroß ist die Zahl der Dichter, denen wir unseren Liederschatz verdanken. Hat ein Gesangsbuch etwa 500 Lieder, so mögen diese von etwa zweihundertfünfzig Dichtern herrühren.
„Welch reicher Himmel, Stern bei Stern, wer kennt ihre Namen?“ Doch eiPaul Gerhardtnige wenige dieser Namen kennt und nennt und liebt und lobt unser evangelisches Christenvolk aller Zeiten und Zonen, aller Völker und Sprachen. Unter Ihnen aber ragen zwei gleich Fürsten und Königen hervor, dass sind Luther und Paul Gerhardt, Luther, der Schöpfer des evangelischen Kirchenliedes, Gerhardt, der Vollender des evangelischen Kirchenliedes. Luther und Gerhardt: wie verschieden sind sie doch!
Luthers machtvolle Persönlichkeit hat durch Gottes Gnade auf allen, allen Gebieten unseres kirchlichen und christlichen Lebens neue Bahnen gebrochen. Sein Leben liegt von Anfang bis zu Ende so offen vor uns, dass wir wenigstens seit 1517, seit seinem ersten öffentlichen Auftreten als Reformator fast von jedem Tage wissen, was er da getan hat.
Von Paul Gerhardt dagegen würde heute kein Mensch reden, wenn wir nicht seine Lieder hätten. Sein Leben war ein Stillleben und ist und bleibt uns zum größten Teile unbekannt. Sein Leben sind die Lieder. Aber diese Lieder haben einen so tiefen Eindruck auf unser Volk in allen Ständen gemacht, dass wir jetzt das Paul Gerhardt-Jahr feiern, wie wir im Jahre 1883 das Lutherjahr feierten.
Was muss das für ein Mann sein, der durch nichts anderes, als durch etwas mehr als hundert geistliche Lieder und Gedichte, die er einst schuf, sein Volk noch nach Jahrhunderten so wunderbar in Bewegung setzte, dass nun wohl schon ein halbes Hundert und mehr Bücher und Büchlein zu seinen Ehren geschrieben worden sind zu seinem Jubeltage, Bücher und Büchlein, die in ungezählten Tausenden von unserem Volke gelesen werden!
Gerhardt ist ein Klassiker unseres Volkes, der in keinem, keinem deutschen evangelischen Hause fehlt.
Denn ein Drittel oder ein gutes Viertel seiner Lieder stehen heute in jedem guten Gesangsbuche unseres Volkes. Und solch ein Gesangsbuch ist doch in jedem evangelischen Hause unserer Tage in mindestens einem Exemplare zu finden.
Das neue Militärgesangsbuch von 1906 hat unter seinen 178 Liedern 22 von Gerhardt. Und diese 22 gehören zu den bekanntesten, geliebtesten, gesungensten Gute unseres Christenvolkes.
Auch unser Sächsisches Provinzialgesangbuch, dass vom Palmsonntag an in der Gemeinde Langenweddingen in Gebrauch genommen werden soll, bringt uns 41 der schönsten Lieder Paul Gerhardts.

Wie Luther entstammt auch Gerhardt dem gesunden, markigen schlichten Bürger- und Bauernstande. Gerhardts Vater war der Besitzer einer ansehnlichen Ackerwirtschaft und zugleich Bürgermeister in dem kursächsischen Städtchen Gräfenhainichen, nicht weit von Wittenberg. Dort erblickte der kleine Paul am 12. März 1607 das Licht der Welt. Auf der Fürstenschule zu Grimma gebildet, studiert er von 1628 bis etwa 1643, also nach der Sitte jener Zeit etwa 15 Jahre, in Wittenberg die lutherische Gottesgelehrtheit. Dann wandte der Kursachse sich nach Kurbrandenburg, nach Berlin, gab dort, 40 Jahre alt, 1647 seine ersten Lieder in Druck, musste aber noch bis zum Jahre 1651 auf eine Anstellung warten. Er fand sie in Mittenwalde, dann seit 1657 in Berlin, wo er von einem treuen Kreise von Freunden und Verwandten und seiner St.-Nicolai-Gemeinde mit warmer Liebe getragen wurde. Konfessionelle Erörterungen zwischen Lutheranern und Reformierten, in die der große Kurfürst eingriff, ließen es seinem zarten, ängstlichen Gewissen unmöglich erscheinen, sein Amt weiter zu führen. 1667 verzichtete er darauf.
1669 übernahm er das Archidiakonat in Lübben im Spreewalde, wo der stille Mann sein Leben im Jahre 1676 beschloss. Die Dichter und Dichtergenossenschaften seiner Zeit haben von seinem Leben und Dichten kaum Notiz genommen. Die redselige Zeit schweigt überall über ihn. Aber die Christliche Gemeinde sang seine Lieder und singt sie und wird sie singen, so lange es eine deutsche Sprache gibt.

Quelle: „Der Hausfreund“, Nr 2/3,Februar/März 1907, Seite 9/11, Ernst Moeller, Sup. AD. und Pfarrer in Langenweddingen

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