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Brief eines an den Freiheitskriegen beteiligten Langenweddingers von 1815

Münster, 17.Juli 1815

Liebe Eltern

Da ich jetzt zum 4.Male schreiben tue und habe noch keine Antwort gekriegt, ich weiß gar nicht, wie das zugeht. Seit dem letzten Briefe, den ich geschrieben habe, seitdem hat es uns ein bischen schlecht gegangen, wo es mich auch ein bischen malheurt hat, denn wir sind den 15. Juni vorgerückt, wo uns die Franzosen den 15. angegriffen und es hart herging. Und den 16. marschierten wir heran und sowie wir da waren, so musste ich gleich auf den Vorposten.
In langen Rotten stellten sie uns hin, wo wir nicht heraussehen konnten, denn wir mussten immer in die Höhe springen, wenn Einer den Anderen sehen wollte. So standen wir immer da fest, wir wussten nicht mehr, was wir vor Tollheit anfangen sollten, denn wir hatten gar keine Ruhe mehr, ehe es los ging. Der eine kriegte ein Hemde heraus und sagte, wir wollen uns Binden reißen. Da sagte ich zu ihm, es sollte mir eine abreißen. Ich riss auch eine ab und sagte, die werde ich in die Tasche stecken, damit ich sie bald herauskriegen kann. Da bedauerte es keinen Augenblick mehr, da waren die Kürassiere schon zwischen uns und da ging es auch gleich über und drüber.
Wir schossen gleich dazwischen, dass es donnerte und machten gleich viele Gefangene. Da ging es denn gleich über und drüber. Da war das 1. und 2. und 3. Armeekorps. Da ging es so zu in der Zeit von Mittag bis Abend, dass ich´s gar nicht beschreiben kann.
Den Abend um 8 Uhr da kriegte ich auch einen Schuss ab, dass ich auch gleich von der Seite niedersank. Und sowie ich meinen Schuss hatte, da mussten wir retirieren. Da hat ich meinen Kameraden, dass sie mich mitnähmen. Sie kriegten (mich) auch glücklich fort, dass ich erst ein Ende zurückkam. Weil ich dann nicht mehr fortkonnte, da (kam) unser Generaladjutant, der fasste mich am Arm und führte mich nach dem Doktor, dass der mich verbinden könnte. Und als ich verbunden war, da brachte (er) mich noch ein ganz Ende zurück. Da schmissen sie mich auf einen Marketenderwagen, da fuhr ich ein ganz Ende zurück.
Am Ende fiel ich herunter vom Wagen, ich rappelte mich aber wieder zusammen, dass ich noch ein Stück fort kam, und da traf ich einen von den Unseren, den bat ich darum, dass er mir einen Wagen schaffte.
Kaum war er fort gegangen, da war er schon wieder da und hatte einen Wagen, wo noch einer drauf sitzen konnte. Kaum, dass der darauf saß, da hieß es, die Franzosen kommen, die Wagen immer zurück, da konnten wir gar nicht fortkommen.
Die erste Nacht kam ich noch nach Namur zurück. Die Schlacht war bei Charlesroi, 7 Stunden hinter Namur. Als ich zuvor in Namur war, den Morgen hies es, die Franzosen wären nahe heran, wer sich noch retten könnte, sollte machen dass er fortkäme. Von da ging es nach Lüttich, nach Aachen und Köln, von Köln nach Düsseldorf. In Düsseldorf musste ich 14 Tage liegen bleiben, da war ich so schlecht, dass ich von keinem Gedanken mehr wusste. Mein Fuß war so dick, er war noch zweimal so dick, wie früher. Meinen Schuss habe ich gerade unten im rechten Fuß, und beinahe war es so soweit, dass mein Fuß bald abgenommen werden musste. Das Wundfieber hatte ich so stark, dass ich nicht essen und auch kein Bier trinken konnte. Weiter nichts als Wasser. Das konnte ich immer trinken und das wurde ich gar nicht satt.
Sie werden mir nicht übel nehmen, dass ich nicht früher geschrieben habe, denn ich habe vor Mattigkeit nicht schreiben können.
Mit zitternder Hand, im Bett, auf dem Kopfkissen habe ich den Brief in voller Angst geschrieben, ich habe mich angestrengt, so viel als möglich war. Mein Fuß hat sich schon viel wieder gebessert, denn ich habe wenigstens nicht so viele Schmerzen. Aber in Düsseldorf da konnte ich´s vor Schmerzen nicht aushalten, da hatte ich Nacht und Tag keine Ruhe, Nachts wusste ich immer nicht, was ich anfangen sollte. Sobald ich nur ein bischen besser wurde, brachten sie mich gleich nach Münster.
Grüßen Sie alle Freunde und Bekannten, grüßen Sie auch meinen Herrn Vetter Herbst und Tante Rieckchen und Maria und Heinrich und Andreas Herbst mitsamt Frau Flöter im Krug und Schmidt´s. Und ich grüße auch alle meine Brüder und Geschwister und auch noch viel tausend Grüße. Leben Sie wohl,
ich verbleibe Ihr Sohn

Friedrich Wiegel


Die Adresse machen Sie:

An den Wehrmann Friedrich Wiegel unter des 4.Kurmärkischen Landwehrinfanterie- Regt. 3. Battallions 10. Kompagnie, im Provinzial-Lazarett in Münster.

Aber schreiben Sie doch so bald als möglich wieder, denn ich verlange jetzt recht danach, wie es da wohl (geht). Und schreiben Sie recht viele Briefe,dass ich recht viel zu lesen habe.

Kurmärkische-Landwehr

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