Langenweddingen

von Rektor Hofmeister Hofmeister Ludwig - Geb.: 1890

St.Georg Kirche

Der spitze Turm der St. Georgskirche schaut mit seiner vergoldeten Kugel im Sonnenschein ringsherum weit über das wellige Land und kündet die Lage der Ortsmarkung Langenweddingen. Er grüßt die Reisenden, die in den Harzbergen Erholung gesucht haben und im Zuge von Halberstadt über Magdeburg ihrer Heimat zueilen. Die Autos sausen in rascher Folge auf der Landstraße von Magdeburg über Egeln nach Aschersleben und Halberstadt an seinen Füßen vorbei.

Dem Wanderer, der von Schönebeck über Welsleben durch das im Sülzetal romantisch gelegene Sülldorf nach Wanzleben marschieren will, zeigt er schon von Ferne die Richtung nach der Kreisstadt an. Viele Warenzüge und Reitertrupps hat er im Mittelalter auf der im Westen nahe vorbei führenden Lüneburger Heerstraße vorbeiziehen sehen.

Langenweddingen liegt längs des Fleite- oder Fließgraben eingekeilt zwischen den Abhängen des Heßberges und des Hackenberges. Das  Weddingen, das später wegen seiner langen Gestalt Langenweddingen genannt wurde, tritt in den Chroniken erst mit dem 15. Jahrhundert unter diesem Namen auf.

Am 21. September 937 bewidmet Otto der I. das Moritzkloster in Magdeburg mit den Orten Osterwattinge, Sülldorf, Immenwattinge und macht in einer Schenkungsurkunde vom 23. April 941 die Besitzungen des Klosters St. Moritz in der Magdeburger Mark, unter denen auch Immenwattinge genannt wird,  durch Übereignung seiner Besitzung in der Wedehäuser Mark an das Bistum Halberstadt von demselben zentfrei.

Lageplan von Langenweddingen

Er schenkte zum Seelenheil seiner Gemahlin Editha demselben Kloster neben anderen seine Liegenschaften in  Aldun- Wattingi  (Altenweddingen).
Deutlich erkennbar sind aus diesen Urkunden das Bestehen der Orte Osterweddingen und Altenweddingen, während mit Immenweddingen nicht das heutige Langenweddingen gemeint sein kann; denn in der Urkunde vom 29. Juli 946 erklärt Otto  der I., dass er  10 Hufen in Windehusenarcho und 7 Hufen in Westerwattinge an das Bistum Halberstadt abgetreten habe, um das Moritzkloster in Magdeburg von allen Abgaben an das Bistum Halberstadt zu befreien.

Dieses Westerwattinge, das westlich von Osterweddingen gelegen haben muss, kann nur das  heutige Langenweddingen sein, weil es direkt westlich von Osterweddingen liegt. Ob Immenwattinge auf der jetzigen Altenweddinger Feldflur „Im Weddiger Felde“ am Wanzleber Weg, südlich der Sälbke (Sälbke, einem Quellbach der Sülze) am Südabhange des Heßberges gelegen hat, wie einige Geschichtsforscher annehmen, ist nicht mit Bestimmtheit festzustellen. 

Bestanden hat ein Immenweddingen ohne Zweifel; denn in der Schenkungsurkunde Ottos II. vom 4. Juni 973, an das nunmehrige Erzstift  Magdeburg wird auch Immenweddingen mit aufgezählt, wie auch Körlingen und Altenwaddinge.

Westerwaddinge wird später in den Chroniken als Großenweddingen bezeichnet. Es nahm schon frühzeitig eine hervorragende Stellung als Sitz eines Archidiakonus und als Thingstätte ein. Die Dingstelle, wird heute noch  „Dingel“ genannt und liegt unmittelbar nördlich vom Glockenteich zwischen der Lüneburger Heerstraße und der Halberstädter Chaussee. Hier wurden gerichtliche Strafen „wedde“ verhängt, daher der Name Weddingen. Zum Banne Großenweddingen gehörten 1398 vierundzwanzig  Kirchen der Umgegend.

Um diese Zeit hatten die Herren von Wellen bedeutenden Besitz in Großenweddingen und es waren nach der Landesfriedenskunde von 1363 schon die Ritter Hermann von Wellen, Hans von Weddingen und Richard Rike hier ansässig und mussten mit 15 Bauern Heeresfolge leisten. Das Lehnsbuch von 1383 berichtet, der Frau Grita, die Frau eines unbekannten Lehnsmannes, 10 Mark jährliche Einkünfte, Johannes von Emden 7 Hufen Land, 5 Höfe und drei Talente jährliche Einkünfte, Johann und Fritzke von Wellen zweieinhalb Mark Einkünfte und Diderten von Wellen zwei Hufen Land und einen Hof in Großenweddingen hätten.

Die Brüder Dietrich und Klaus von Wellen erhielten durch einen Lehnbrief von 1467 in Großenweddingen fünf Vierding Geld, dreieinhalb freie Hufen Land  und zwei freie Wohnhöfe.
Die Herren von Wellen haben später ihre Besitzungen in Großenweddingen auf Pacht ausgetan und in der Rolle von 1864 werden noch einige Äcker als „ehemals Wellische“ bezeichnet. Diese waren steuerfrei, weil sie zu einem Rittergute gehörten. Noch heute wird im Ort Langenweddingen in  der Langen Straße ein Bauernhof als ehemaliger Reitsassenhof angesehen.

Langenweddingen war bei der Kirchenvisitation von 1563 das allergrößte Dorf im ganzen Magdeburger Lande; es hatte damals 104 Hauswirte. 1684 nach dem Dreißigjährigen Kriege zählte es 108 Hauswirte und 10 wüste Kossatenhöfe.
1781 hatte Langenweddingen 825 Einwohner und 1818: 1000 Einwohner.
1840 zählte Langenweddingen 1454 Einwohner mit 175 Wohnhäusern, 15 Ackerhöfen, 15 Halbspännern, 48 Kossäten, 80 Häuslern, 131 Einliegern, 4 Krügen, 7 Gemeindehäusern, 4 Wind- und 4 Wassermühlen.  Die letzten hießen: Die Meiersche-, die Mittel-, die Kirchen und die Plathmühle.

Die Schicksale des Ortes während des 30 jährigen Krieges sind sehr mannigfach gewesen; das Kirchenbuch gibt erst vom Jahre 1640, als  die größten Gefahren und Prüfungen vorüber waren, Kunde von den Ereignissen dieser bewegten Zeit in Langenweddingen. Am 10. März 1640 übernahm der Pfarrer von Osterweddingen, Peter Wellenberg,  die verwaiste Pfarre zu Langenweddingen, versorgte aber daneben seine eigene Pfarre, in der er seit 1622 amtierte und die zu Diesdorf. Wechselvoll ist das Leben der Einwohner in dieser Zeit gewesen. 

Am 8. April 1641 hielt sich die Gemeinde noch im Orte auf, am 13. war sie schon in Wanzleben, im Juli befand sich der größte Teil der Gemeinde in Magdeburg.  „Am 7. November 1645 gehet Joachim Schultze frisch und gesund aus seinem Haus in Langenweddingen nach Sülldorf. Unterwegs wird er Reiter ansichtig und läuft vor Furcht wieder zurück. Als er vor Kaspar Heinzen Tür (Gastwirt Hornemanns Haus) kommt, fällt er um und bleibt tot.“

Wenn Gefahr im Anzug war, packten die Einwohner ihre Kinder und ihre geringen Habseligkeiten auf zweirädrige Karren und flohen nach dem befestigten Wanzleben. Mit  dem Jahre 1647 trat Ruhe und Sicherheit ein. Es wurden 8 Kinder geboren. Aber erst 1648 scheint ein geordnetes Gemeindewesen wieder hergestellt zu sein; denn die Geburten mehren sich. Interessant sich folgende Eintragungen in das Kirchenbuch: 1651 lassen sich sich Hans Jürgen, ein gewesener Soldat, ferner ein Marketender, Simon Tischler, ein Soldat, ein Trompeter, ein geborener Schwede, Samuel  Bergk, in Langenweddingen taufen. Ebenso bringen 1652 Hans Schmit, gewesener Cornett, Caroll, ein  geborener Schwede, ferner ein Holsteiner hier ein Kind zur Taufe.

Am 5. Mai 1809 lagerte am Nachmittag nach dem Gefecht bei Dodendorfe auf dem Anger, dem heutigen Festplatze, bei der Tränke Major von Schill mit seinen Getreuen vor dem Osteingang des Dorfes, verband seine  Verwundeten und tränkte seine Pferde, Gegen Abend marschierte  er mit seinen Freicorps nach Wanzleben, wo er Quartier nahm. Am 6. Juni 1909 wurde in feierlicher Weise auf dem Festplatze das Schill -Denkmal eingeweiht. Ein mächtiger schwedischer Granitblock war im einem Acker der Feldflur gefunden worden. Teile wurden abgesprengt und der große Block zu einem Denkstein errichtet. Die Vorderseite ziert eine Bronzeplatte mit Brustbild des Freiheitshelden.

Kriegerdenkmal Langenweddingen
Kriegerdenkmal

Inmitten des Dorfes auf dem Jubelberg steht ein Lutherstein zur Erinnerung an die Reformation.

Auf dem Nordwestrande des Kirchhofes, der St.  Georgskirche gegenüber erhebt sich wie aus dem urkräftigen Boden gewachsen, von einer Traueresche überschattet, das aus Feldsteinen gebaute charakteristische und herrliche Kriegerdenkmal, zum Gedächtnis an die im Weltkriege aus dem Ort Gefallenen. Die sinnigen Anlagen auf dem geschmückten  Vorgelände werden in Jahren  einen von der Dorfstraße mehr abgeschlossenen  Gedächtnishain schaffen, so daß er von den Angehörigen der Gefallenen als die gemeinsame geistige Ruhestätte ihrer  in fremder Erde gebetteten Toten auf heimischen Boden empfunden werden kann.

Langenweddingen liegt eingebettet in der Talsenke des Fleit- oder Fließgrabens zwischen dem Nordabhange des Heßberges und der Halberstädter Chaussee. Die von Westen nach Osten langgestreckte Dorflage und die noch heute bekannte Thingstätte, auf der das Volksgericht vor grauer Urzeit an bis in die Zeit der Sachsenkriege gerichtliche Strafenwedde im Urteil ausgesprochen hat, sind die Anlässe zur Benennung des Ortes gewesen.

Lange Strasse
Lange Strasse

Vom Kirchtor über den Jubelberg bis zur Tränke am Ortsausgang des Dorfes erstreckt sich die Lange Straße, die Hauptstraße des Ortes.
Zu beiden Seiten liegen von Wohlstand  zeugende Bauernhöfe mit ihren modernen, meist zweistöckigen Wohnhäusern. Hier ist die Ortslage des Weddinge zu suchen.

Parallel zur Langen Straße auf der Nordseite des Fließgrabens, auf dem Rücken des Hackenberges, vom Kreipschen Tor zur Roten Renne am Rennberg zieht sich die Kreipe hin. Diese Straße hat ihren Namen von der alten Dorfstelle erhalten, durch die sie führt. Von der Kreipe führt in nordwestlicher Richtung die Wolfschartstraße zum mittelsten der drei nördlichen Tore, das urkundlich nach einem Anwohner Eggehard Wolf benannt ist.

Am Südhange des Rennberges quillt an zwei Stellen okerhaltiges Wasser  aus dem Boden, deshalb heißt die direkt nach Süden ansteigende kurze, aber breite Straße die Rote Rinne oder Renne. Sie mündet in die Lange Straße und trennte früher von den alten Weddige, die 3. Gemarkung Schleningen mit dem Schlen’schen Tor bei der Tränke im Osten und dem Steintor und der Mäuseburg im Norden.

Die drei Ortschaften: Weddinge, Kreipe und  Schleningen, die ursprünglich getrennte Gemarkungen waren, sind später durch Einbau verbunden und zu einer Ortsgemeinschaft verschmolzen. Um 1200 bestand noch in Schleningen die zum Bistum Halberstadt  gehörige St. Stephanus Kirche und es war schon auf dem Kirchberg im westlichen Gebiete von Weddige die älteste St. Georgskirche erbaut, die dem Dome von Magdeburg angeschlossen war. Noch 1684 hatte jede Dorfstelle einen eigenen Hirten.

Die Stephanuskirche ist schon 668 erbaut und stand vermutlich auf der nordöstlichen Anhöhe des Dorfes, wo heute die Herbsche Windmühle steht. Sie ist die bedeutendste Kirche im Bereich zwischen Elbe, Saale, Bode, Olve und Sohre gewesen. Sie war die Taufkirche für den langen Bezirk, der sich von Löderburg und Unseburg, bis vor die Tore Magdeburg sich erstreckt.

Ihrer kirchlichen Gerichtsbarkeit, ihrem Kirchenbanne, waren 24 Kirchengemeinden des näheren und weiteren Umkreises unterstellt. Im Jahre 1074 als die alten Sachsen, unsere Vorfahren, von Heinrich IV. schwer bedrängt wurden, sah ein Priester in Weddinge beim Sakrament, den Wein sich in Blut  verwandeln und brachte diesen nach Magdeburg.

Die Stephanuskirche hat höchstens bis zur Reformation bestanden; denn die General-Kirchenvisitation von 1563 bezeichnet die St. Stephani als wüst. Die Staphanikirche ist nachweisbar schon 1211 gegründet worden. Von ihr ist schon in einem anderen Aufsatz die Rede.

Das im Blickfelde aufsteigende Gesamtbild von Langenweddingen macht in seiner wechselvollen  Gestaltung mit dem reichen Baumschmuck am West  und Ostende des Ortes schon von Ferne  den Eindruck eines freundlichen  Bauerndorfes. Es hat 2600 Einwohner, eine 7 stufige Schule mit 10 Klassen, eine evangelische und eine katholische Pfarre.

Der Haupterwerbszweig seiner Bewohner ist Landwirtschaft und die damit verbundene Industrie. Zwei Cichoriendarren sind in Betrieb; eine Darre und die alte Zuckerfabrik  dienen heute anderen Zwecken. Das alte Kalkwerk auf dem Osterberge ist zum Teil abgerissen und zum Teil zu einer Keksfabrik& Unger umgebaut. Das Gelände und die Kalksteinbrüche in den "Langenweddinger Bergen" nach Sülldorf zu sind mit Liebe und Sinn für die Natur vom Besitzer durch Anlagen und Anpflanzungen verschönert und zu einem  wundervollen Naturpark umgewandelt, der eine Sehenswürdigkeit ist.

Teile des ehemals unbebauten, wüsten Berge und die in dem tief ausgewaschenen, strombreiten Tale vor und hinter der Mittelmühle sich ausbreitenden Obstplantagen zeugen von der Lebensarbeit eines rastlos tätigen Naturfreunds, der sich hierdurch ein Denkmal gesetzt und zur Nacheiferung angespornt hat.

Auf der entgegengesetzten Seite im Westen erhebt sich der 127 m hohe Henneberg. Von ihm streicht ein Höhenzug nach Nordosten, der sich zu einer Hochebene ausbreitet. Auf ihrem höchsten Punkte liegt das Vorwerk Brelitz. Die am südöstlichen Abhang dieses Höhenzuges sich sammelden Wasser fließen in einer tiefen Mulde, auf ihrem kurzen Laufe von mehr als zehn Quellen verstärkt, hurtig hinter dem Bahnhofe unter der Halberstädter Chaussee hin und treiben unter dem Namen Springe die nahe Platmühle.

Der Seegraben durchzieht das salzhaltige Becken des Faulen Sees, der auf Friedrich des Großen Anordnung entwässert wurde, vereinigt sich nach gewundenen Laufe hinter der Plathmühle mit der Springe und kurz darauf vom Südfuße des Osterberges mit dem Fleitgraben. Das muntere Bächlein treibt die im tiefen Talgrunde liegende Mittelmühle und ergießt sich am Ortsausgang von Sülldorf  in die  Sülze.

Von der Separation wurde die Langenweddinger Feldmark in drei Felder geteilt: das Henneberger, das Heßberger und das Lange oder Ottersleber Feld. Das Henneberger Feld liegt zwischen der Lüneburger  Heerstraße und dem Henneberg, das Heßberger Feld breitet sich zwischen dem Dorfe und der Altenweddinger und Sülldorfer Grenze aus und das Lange oder Ottersleber Feld erstreckt sich vom Nordrande des Dorfes und dem Schleibnitzer Wege bis an die Ottersleber und Osterweddinger Feldflur.


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