ir treten durch das nach dem Pfarrgarten zu gelegene Portal in die Vorhalle,durchschreiten die eigentliche Eingangstür und freuen uns beim Eintritt ins Innere des nördlichen Kreuzarmes der Kirche, wie viel sauberer als früher jetzt die farbigen Mettlacher Fliesen, die den Fußboden bedecken, wieder aussehen.
Aus dem Kreuzarme in das eigentliche Schiff der Kirche tretend blicken wir zuerst rechtshin nach der Orgelempore.
Doch wir wenden uns nun nach links zum Altar hin.
Zum Altar hingewendet haben wir vor uns den Altar selbst und die zu ihm gehörende, die ganze Breite und Höhe des Kirchenschiffes ausfüllende Altarwand.
Sie ist, wie ich aus den Kirchenrechnungen von 1709 an ersehe, gleich den Schnitzereien an den Emporen oder Prichen das Werk eines Bildhauers Hellwig aus Helmstedt.
Bei der folgenden Betrachtung der einzelnen Teile der Altarwand, nennen wir links alles, was wir, wenn das Gesicht dem Altare zukehren zur Linken, und umgekehrt, sehen. Sonst gilt als rechte Seite des Altars die Brotseite, die der auf dem Altare stehende, der Gemeinde zugewendete Seitliche zur Rechten hat.
Unser Auge fällt zunächst auf das den Mittelraum der Altarwand füllende Altarbild.
Es ist im Jahre 1805 an Stelle des Früheren, das die Kreuzigung Christi und, unter ihr, die Einsetzung des heiligen Abendmahles durch den Herrn Jesus darstellte, von dem Maler Berthold Woltze aus Magdeburg-Neustadt gemalt worden und zeigt uns den Heiland im Gebetskampfe in Gethsemane, wie ihm der Engel des Herrn stärkend zur Seite tritt, während im Vordergrunde die drei Jüngerer Petrus, Jacobus und Johannes schlafen.
In dem Bilde des Engels soll der Maler, wie man erzählt, seine Braut dargestellt haben. Ob das wirklich so ist, kann ich natürlich nicht beurteilen.
Das bis zu etwa zwei Drittel der Höhe der ganzen Altarwand reichende Mittelbild wird durch hohe, mit schönen Kapitälen gekrönte, vergoldete Säulen von den Figuren, Bildern und Verzierungen zur Rechten und zur Linken geschieden. Je eine gleiche Säule trennt auch dieser wieder von den fast lebensgroßen Figuren, welche den somit in fünf Felder abgegrenzten unteren Teil der Altarwand nach rechts und links abschließen.
Über dem Mittelbilde gibt die Jahreszahl 1710 uns die Zeit der Vollendung des Altars und der Altarwand an.
Vom Jahre 1703 an wurde, wie ich an anderer Stelle las, die Kirche mit Ausnahme des damals schon rund 450 Jahre alten Turmes- in ihrer jetzigen Gestalt wieder aufgebaut.
Wahrscheinlich schloss diese Neuherstellung mit der Vollendung der Altarwand ab.
Das Mittelbild stellt uns den Eintritt Jesu in sein letztes Leiden, das mit seinem Tode am Kreuze endete, vor die Augen. Sein Leidensgang sollte aber nach Gottes Ratschluss ein Siegesweg werden.
Darum tritt uns über dem Mittelbilde und dem die Jahreszahl einschließenden Medaillon die gleich allen übrigen Figuren aus Holz geschnitzte Gestalt des Auferstandenen entgegen, der als Todesüberwinder mit der Siegesfahne in der Hand aus dem Grabe hervorgeht.
Göttlicher Herrlichkeit schreitet er entgegen, das deuten die lichten Strahlen, die ihn umkränzen, uns an. In alle Welt hinaus soll die frohe Botschaft, das Evangelium von dem Gekreuzigten und Auferstandenen getragen werden, für alle Zeiten soll es seine selig machende Kraft und seine volle Gültigkeit behalten. Das sollen uns die Figuren der vier Evangelisten sagen, von denen nach links Matthäus und rechts Markus zu beiden Seiten des triumphierenden Christus, unter ihnen Lucas und Johannes, zu beiden Seiten des leidenden Erlösers stehen.
Anlehnend an Hesekiel 1, 10 und Offenbahrung Johannes 4, 6-7 gab die christliche Kunst seit den ältesten Zeiten die Darstellung der vier Evangelisten jedem eine sinnbildliche Figur als Kennzeichen. Dem Matthäus steht ein Engel (sonst auch ein Mann) zur Seite, der ihm hier zur Niederschrift des Evangeliums das Tintenfass hält und darreicht. Zur Seite des Marcus ruht ein Löwe ( das Zeichen der Kraft und Macht ).
Auf den Blättern seines von ihm aufgeschlagenen Evangeliums hält uns Markus die ersten Worte Jesu, von denen er berichtet, entgegen.
Sie stehen Marcus1, 15 und lauten: „Die Zeit ist erfüllt und das Reich Gottes ist hierbei gekommen. Tut Buße und glaubet an das Evangelium“. Unter Matthäus steht Lucas mit dem Stier ( dem Zeichen des Opfertodes Christi ). Auf Blättern seines Evangeliums lesen wir den Engelsgruß, der die Ankündigung der Geburt des Weltheilandes jauchzend: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden“. Neben Johannes, der wie kein Anderer hineingeschaut in die lichte Herrlichkeit des Gottessohnes, steht der Adler, weil er von allen Vögeln sich dem Sonnenlichte entgegen hebt.
Die Evangelisten und die Episteln sollen im Gottesdienste vom Altare aus verlesen werden. In der katholischen Kirche wird noch heute das Evangelium auf der einen, die Epistel auf der anderen Seite des Altars verlesen. Man nennt daher dort die eine Seite die Evangelistenseite, die andere die Epistelseite. Wir Evangelischen haben diese Sitte ( da sie in der Schrift nicht begründet ist, und da wir nicht nur Evangelien und Episteln, sondern auch andere Schriftworte vom Altar aus verlesen ) und diese Benennung nicht beibehalten.
Wir sagen vielmehr statt Evangelienseite „Brotseite“ und statt Epistelseite „Kelchseite“ weil wir bei der Feier des heiligen Abendmahls auf der einen Seite das Brot, auf der anderen Seite den Kelch zu empfangen pflegen, dass nämlich der Altar nicht nur eine Stätte des Gebetes und der Schriftverlesung sein, sondern auch als „Tisch des Herrn“ die Gemeinde zum Höhepunkte des Gottesdienstes, zur evangelischen Feier des heiligen Abendmahls um sich sammeln soll, ist im Schmucke der Altarwand deutlich ausgesprochen.
Über der Gestalt des Lucas ragt eine gemalte Hand mit der Hostie, über der des Johannes eine Hand mit dem Kelche aus Wolken hervor; denn eine Himmelsgabe soll den Abendmahlsgästen gereicht werden.
Unter der Hand an der Brotseite steht mit goldenen Buchstaben das Heilandswort Matthäus 26, 26: „Nehmet, esset, das ist mein Leib“ unter der Hand mit dem Kelche Matthäus 26, 27: „Trinket alle heraus, das ist Blut“. Lange, in Holz geschnitzte, bemalte Gewinde auf der Kelchseite hängen seitwärts von diesen Bildern und Sprüchen hernieder. Je eine der vier großen, vergoldeten Säulen scheidet die vorstehende beschriebenen Teile der unteren Altarwand von zwei fast lebensgroßen Figuren ab, die nach links und rechts die Altarwand abschließen.
Unsere Kirche war von Alters her dem St. Georg geweiht, den wir darum auf der rechten Seite in der
Ritterrüstung sehen , wie er mit der Lanze den zu seinen Füßen sich windenden Drachen tötet.
Auf der linken Seite steht eine Männerfigur in Kriegsrüstung mit Schild und Fahnenlanze, deren Gesicht und Hände schwarz sind. Sie soll den heiligen Mauritius ( Moritz ) darstellen, von dem die Sage erzählt, er sei zur Zeit der Christenverfolgungen als Heerführer mit vielen seiner Soldaten, die gleich ihm aus dem Orient stammten, auf des heidnischen römischen Kaisers Maximilian niedergehauen worden, weil sie alle ihren christlichen Glauben nicht verleugnen wollten.Dieser Märtyrer Mauritius nun war der Schutzheilige von Magdeburg und vom Magdeburger Dome.
Vom Magdeburger Dome und Domkapitel war aber unsere Kirche früher abhängig. War doch bis zum Jahre 1409 Langenweddingen Sitz eines erzbischöflichen Archidiakonus, eines hohen, kirchlichen Beamten des Erzbischofs von Magdeburg gewesen.
Im oberen Teile der nach oben sich verjüngenden Altarwand, links vom Matthäus und rechts vom Marcus sitzt je ein Engel.
Beide sollen Verkünder der Freudenbotschaft von der Auferstehung Christi sein, darum hält der eine den Siegeskranz, der andere die Siegespalme in der Hand.
Über allen bisher beschriebenen Figuren, Bildern und Sinnbildern thront und leuchtet zu oberst der ganzen Altarwand, von Strahlen der Herrlichkeit umgeben, in hebräischen Buchstaben der Name Jehovah, das heißt: „Ich bin, der ich war und sein werde“. Er ist noch heute und bleibt der ewige, unveränderliche, getreue Gott, der schon Israel sich erkoren, der in Jesu sein tiefes Wesen, seine Liebe zu uns offenbarte und seine Heilsgedanken verwirklichte, der uns schuf, erhält, regiert und zu seiner ewigen Herrlichkeit führen will, „von dem, durch den und zu dem alle Dinge sind“ (Römer 11, 36).
So hat Meister Hellwig fromme, echt evangelische Gedanken und die großen Heilstatsachen, auf denen unser Christenglaube ruht und unsere Christenhoffnung sich erbaute, einst denen vor uns vor die Augen gestellt.
Fast zweihundert Jahre sind seit Errichtung dieses Altars vergangen. Tausende und abertausende habe sich an die Herrlichkeit und Gnade des lebendigen, ewigen Gottes, von der unser Altar Zeugnis ablegten will, im Leben und im Sterben auch in unserer Gemeinde während dieser zwei Jahrhunderte gehalten, viele aber auch wohl diese Herrlichkeit und Gnade verschmäht und verachtet „ Auf welche Seite stellst du dich?“ fragt heute wie damals seither unser Altar jeden, der ihm naht, „auf die Seite der Gotteskinder, der Gottessucher, oder auf die Seite der Gottesverächter?“
Der treue , barmherzige und gnädige Gott helfe einem Jeden von uns die rechte, selige Antwort auf diese Frage durch unser Tun und Lassen, Dichten und Trachte, Leben und Sterben zu geben.